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Arche auf Zeit

Arche auf Zeit
April 14
11:17 2015

Die evangelische Pfarre Leibnitz ist ein offenes Haus für Flüchtlinge. Pfarrerin Marianne Pratl-Zebinger und die Gemeindemitglieder formulieren auf diese Weise eine konkrete Antwort auf die Frage: Was ist Nächsten-
liebe heute?

Ein Fremder war ich, und ihr führtet mich ein“: Was dieser eine Satz, mit dem der Evangelist Matthäus Jesus Christus zitiert, heute ganz konkret bedeuten kann, kann man in der evangelischen Pfarrgemeinde Leibnitz sehen – österreichweit findet der Einsatz für Flüchtlinge, den Pfarrerin Marianne Pratl-Zebinger, Kurator Gerhard Petrowitsch und die Pfarrgemeinde an den Tag legen, Aufmerksamkeit in den Medien. „Nächstenliebe braucht kein Mandat“ war etwa eine ausführliche Reportage in der Tageszeitung „Presse am Sonntag“ überschrieben.

Die Welt um einen Tisch. Begonnen hat das Engagement mit einer schlichten Nachricht: Eine Gruppe von Asylwerbern wurde in Leibnitz untergebracht, kurz vor Weihnachten 2014. Pratl-Zebinger über die ersten Überlegungen: „Wir machen das, was wir am besten können, laden sie zu Kaffee und Kuchen ein. Wir wollen ihnen das Gefühl geben, willkommen zu sein.“ Menschen aus Syrien, Tschetschenien, Somalia und weiteren Krisenregionen versammelten sich um einen Tisch, redeten mit Zungen, Händen und Füßen, kamen sich näher – man hatte im Vorfeld auch Dolmetscher um ihre Hilfe gebeten. „Mein Gefühl war, das ganze Weltgeschehen ist hier versammelt“, berichtet Pratl-Zebinger. Unter den 50 Menschen war beispielsweise eine Frau, plötzlich aufgenommen in einer Gemeinschaft, nachdem sie wochenlang mit niemandem reden konnte, weil ihre Sprache niemand sprach. Akt der Verantwortung einer wachen Zivilgesellschaft? Christliche Nächstenliebe und Gastfreundschaft? Einerlei, wie man das Motiv nennt. „Wo sind diese Säulen unserer westlichen Gesellschaft geblieben, wenn diese durch den Zuzug von Flüchtlingen in die Nachbarschaft in Frage gestellt werden?“, fragt Pfarrkurator Gerhard Petrowitsch und nimmt damit unter anderem Bezug auf den Sturm der Entrüstung, der einem Flüchtlingsquartier auf dem Semmering entgegen blies – oder den Anschlag auf eine Unterkunft in Vorarlberg.
Eine Arche im sicheren Hafen. Viele Ehrenamtliche helfen in der Leibnitzer Pfarre mit, aus der Einladung in der Vorweihnachtszeit ist ein umfassendes und regelmäßiges Engagement geworben. Man dürfe die Menschen nicht ihrem Schicksal überlassen, sagt Pfarrerin Marianne Pratl-Zebinger: „Wenn ich weiß, dass da Menschen sind, die Hilfe brauchen, und ich mache nichts, wie könnte ich dann sonntags den Gottesdienst feiern?“ Dabei will man nicht verkennen, dass das Engagement auch eine Gratwanderung ist: Allzu leicht putzt sich der Staat ab, wenn es um die Unterbringung, Versorgung und Betreuung von Asylwerbern und Flüchtlinge geht. So mussten gar Turnhallen der Polizei behelfsmäßig zu Notquartieren umgerüstet werden, weil es an herkömmlichen Unterkünften mangelte. In schlechter Erinnerung ist das monatelange Gezerre zwischen den Bundesländern und der Innenministerin über die Aufnahme von Flüchtlingen, erst ein mühsam gezimmerter Kompromiss versprach eine Linderung der Not. Pratl-Zebinger: Man wolle nicht, dass sich jene, die eigentlich zuständig wären, bequem zurücklehnen und die Aufgaben an die Zivilgesellschaft abwälzen. Dennoch: Die Leibnitzer Arche, die die Flüchtlinge gerne aufnimmt, ankert in einem sicheren Hafen – auch, weil die evangelischen Christen eine konkrete und heutige Antwort auf die Bibelstelle Matthäus 25, 31 haben, wo steht: „Ein Fremder war ich, …“

Martin Link

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