Leibnitz Aktuell Online

Der Trick mit der Karte?

Der Trick mit der Karte?
April 14
10:45 2015

Das simple Stecken einer Plastikkarte im handlichen Scheckkartenformat eröffnet seit mehr als zehn Jahren den Zugang zu medizinischen Dienstleistungen. Allein im Bezirk Leibnitz sind es rund 130 Arztpraxen. Jetzt ist österreichweit ein Streit darüber entbrannt, ob dieser Zutritt immer berechtigt erfolgt oder ob die e-card in Wahrheit nicht eine „krank-e-card“ ist, weil sie dementsprechend oft missbräuchlich verwendet wird.Typisches Beispiel: Der unversicherte Cousin hat Zahnweh und borgt sich die Karte aus.

Die Diskussion schwelt seit Längerem, das Magazin „profil“ setzte jüngst nach: Wie halten wir es eigentlich mit der e-card? Bringt sie einen unbürokratischen, schnellen und sicheren Zugang zu den medizinischen Dienstleistungen bei Allgemeinmedizinern, Fach- und Zahnärzten oder verleitet sie zum Missbrauch der medizinischen Versorgung? Zur Untermauerung des Missbrauchsverdachts dienten wahre Schauergeschichten: rund 150 Arztbesuche innerhalb von sechs Monaten durch ein und dieselbe Person, Arztbesuche durch Verwandte der eigentlichen e-card-Inhaber, aber auch Ärzte, die nicht erbrachte Leistungen mit den Krankenkassen abgerechnet haben sollen. Und auch wenn man sich einfach so im Bezirk umhört, schnappt man schnell einmal Gerüchte auf, wonach ganze Familien mit ein und derselben Karte zum Arzt gehen würden.

Mehr als hundert Ärzte, zigtausende Versicherte. Was da wirklich dran ist, wollten wir von LEIBNITZ AKTUELL wissen. Immerhin stehen allein im Bezirk Leibnitz etwa 130 Arztpraxen für e-card-Inhaber offen. Rund die Hälfte davon sind praktische Ärzte, die andere Hälfte verteilt sich auf Fachärzte der verschiedensten Richtungen und Zahnärzte. Zuerst einmal gibt es an den Missbrauchsfällen nichts zu rütteln, schließlich gibt’s die e-card seit mittlerweile mehr als zehn Jahren. Allerdings bewegen sich die Dimensionen – zumindest der aufgedeckten Fälle – in einem Bereich, der im Vergleich dazu gering anmutet. So wurden seit dem Jahr 2009 laut Auskunft des Chefs des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger, Peter McDonald, nur 421 Missbrauchsfälle dokumentiert – und das in ganz Österreich! Angesichts von 350.000 „Steckvorgängen“ an nur einem Tag (ebenfalls österreichweit) liegt dieser Wert gerade einmal an der Wahrnehmungsgrenze. In der Steiermark wurden in den Jahren 2009 und 2010 überhaupt nur neun Fälle eines e-card-Missbrauchs aufgedeckt, bei denen sich darüber hinaus auch der Schaden in überschaubaren Grenzen gehalten habe, so die Auskunft der zuständigen Stellen. Und auf Bezirksebene heruntergebrochen, fehlen überhaupt die Zahlen.
Niemand zweifelt ernsthaft an einer höheren Dunkelziffer, die missbräuchliche Verwendung des „Krankenscheins im Scheckkartenformat“, also der e-card, scheint freilich nicht gerade das vordringlichste Problem in unserem Sozialsystem zu sein. Auch bei der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse, mit rund 62.000 Anspruchsberechtigten die bei weitem größte Krankenversicherung im Bezirk Leibnitz, stellt die Frage aufgrund der überschaubaren Missbrauchsfälle in der Vergangenheit kein besonderes Thema dar.

18 Millionen Euro „Fotohonorar“. Woher stammt also die aktuelle Kampfansage gegen die e-card? Ganz einfach, dahinter verbirgt sich in Wahrheit ein veritabler Interessenkonflikt zwischen Sozialversicherungen und Ärzteschaft. Denn seitens der Sozialversicherungen wird argumentiert, dass es Aufgabe der Ärzte sei, bei einem begründeten Verdacht zusätzlich zur e-card auch einen Ausweis von den Patienten einzufordern. Damit könnte Missbrauch von vornhe-rein hintangehalten werden. Der in der letzten Zeit aufgetauchten Forderung nach einem Foto auf der e-card können die Sozialversicherungen hingegen nur wenig abgewinnen: zu bürokratisch, zu teuer, in der Praxis kaum durchführbar. Auf 18 Millionen Euro schätzt man die Kosten dafür. Hauptverbands-Chef McDonald in einer Aussendung: „Es geht nicht darum, mit hohem Verwaltungsaufwand Fotos auf die e-card hochladen zu lassen. Es gibt schon jetzt eine Ausweispflicht beim Arzt im Verdachtsfall, um e-card und Identität abzusichern. Das muss unaufgeregt nachgeschärft werden.“ Die Ärzte haben auf der anderen Seite wenig Lust, ihre Patienten über Gebühr zu kontrollieren. Aufgabe der Ärzte sei es, Kranke zu behandeln und nicht Ausweiskontrollen für die Sozialversicherung durchzuführen, hört man aus der Ärzteschaft.
Karte und Adresse. LEIBNITZ AKTUELL schaute sich in einer Arztpraxis konkret an, wie die Sache mit der e-card gehandhabt wird. Dabei ergab sich folgendes Bild: Obwohl die Praxis gut besucht ist, herrscht keine Hektik, sondern es wird effizient und zügig gearbeitet. Die e-card von Patienten, die schon einmal dagewesen sind, wird einfach in das Kartenlesegerät gesteckt. Kommt jemand neu als Patient dazu, dann muss er auch seine Adresse angeben. Ausweiskontrolle? Nein. Doch die ist den Ärzten ja auch nicht vorgeschrieben. Denn eine Rechtsgrundlage, wonach die Ärzte zu einer Kontrolle verpflichtet wären, gibt es nicht.


Reinhard Czar

Teilen

Ähnliche Artikel

Stoarker Betrieb

Wir san a stoarker Betrieb

Newsletter




Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen