Wir haben die beiden langjährigen SPÖ-Parteimitglieder Franz Trampusch und Bürgermeister Peter Stradner aus Wagna in der Römerhöhle in Aflenz getroffen. Dort haben sie sich über die Probleme und Chancen der Sozialdemokratie ausgetauscht.


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In der Steiermark wird innerhalb von einem halben Jahr dreimal gewählt. Wie es aussieht, schneidet die ÖVP jedes Mal sehr gut ab, die SPÖ hat zu kämpfen. Woran liegt das?

Peter Stradner: Ich glaube, dass die Wähler mittlerweile stark differenzieren zwischen Bundes-, Landes- und Gemeinderatswahlen, was vielleicht vor einigen Jahren noch nicht so war. Bei uns im Bezirk ist es natürlich so, dass das Jahr 2015 so angekommen ist, wie nicht leicht sonst irgendwo und ich glaube dadurch ist die FPÖ noch immer recht stark und die ÖVP ist traditionell stark in unserer Region. Die SPÖ hat sicherlich noch Luft nach oben.

Es hat seinerzeit klarere Ziele gegeben. Die Menschen wussten genau, woran sie waren.

Franz Trampusch

Franz Trampusch: Es hat seinerzeit klarere Ziele gegeben. Die Menschen wussten genau, woran sie waren, weil Auseinandersetzungen stattgefunden haben für Leute, die benachteiligt waren. Die sind meistens von der SPÖ vertreten worden, das ist heute quer durch so. Heute wird ja nicht so sehr mit Programmen gearbeitet, sondern mit Angstparolen. Und auf diese Angstparolen fallen die Menschen leider rein, weil ihnen eingeredet wird, dass ihnen etwas weggenommen wird. Die Leute haben heute relativ viel, daher ist die Angst noch größer.

Ex-Kanzler Franz Vranitzky hat kürzlich gesagt, dass die SPÖ in einer ihrer tiefsten Krisen stecke, ihr fehle „die verlässliche Linie“. Stimmt das?

Stradner: Es müsste wieder klarer sein, wofür die SPÖ steht, weil man zwischendurch glaubt, die Partei kann sich das selbst nicht beantworten. Es braucht eine klare Selbstfindung. Wir wissen, was sozialdemokratische Werte sind, wir kennen die Grundsätze, aber diese Grundsätze und Werte werden oft nicht spürbar nach Außen gelebt. Wenn die SPÖ aber diese klare Wende schafft, sehe ich durchaus große Chancen, dass sie wieder zu einer staatstragenden Partei wird und zu der Partei, die sie eigentlich in der Geschichte der Republik und der Sozialdemokratie immer war.

Trampusch: Dort, wo sozialistische Bürgermeister sehr klare Ziele vorgeben und auch die entsprechenden Gruppen ansprechen, dort ist die Sozialdemokratie eigentlich sehr gut im Rennen. Aber wo es um Länder- oder Bundesangelegenheiten geht, sind die Aussagen halt etwas verschwommener und nicht mehr so genau zu präzisieren und da sind halt andere – das sage ich noch einmal – mit ihren Angstparolen wahrscheinlich stärker.

Vranitzky meinte auch, dass die SPÖ mit dem „Ausländer-Thema“ zu kämpfen habe und hier eine einheitliche Linie verfolgen müsste. Wie sehen Sie das?

Stradner: Ich glaube man hängt uns sehr glaubhaft um, dass wir beim Thema Migration keine einheitliche Linie vertreten. Dabei war die SPÖ in den letzten Jahrzehnten maßgeblich beteiligt an der Gesetzgebung, was Migration, Asyl und Flucht betrifft. Es gibt klare gesetzliche Vorgaben und diese sollten eingehalten werden. Die SPÖ sollte einfordern, dass dieses Recht, das sie mitgeschaffen hat, gehalten wird.

Trampusch: Wir sollten darüber nachdenken, was Menschenrechte sind, das wird zu wenig klar definiert. Es gibt auch in der SPÖ Leute, die einfach pauschal die Migration verurteilen und andere, die hier sehr großzügig sind. Ich glaube man sollte klar sagen: Dort, wo Menschen in Gefahr sind, wo sie verfolgt werden, dort müssen die Menschenrechte Vorrang haben.

Ich glaube die SPÖ sollte sich auf Bundesebene darauf vorbereiten, gute, konstruktive Oppositionsarbeit zu leisten.

Peter Stradner

Was erwarten Sie sich von der nächsten, wohl türkis-grünen, Bundesregierung und welche Rolle soll die SPÖ einnehmen?

Stradner: Bis zu einer türkis-grünen Regierung ist es, denke ich, noch ein relativ weiter Weg, der zuletzt wieder um viele Schritte weiter geworden ist. Ich glaube die SPÖ sollte sich auf Bundesebene darauf vorbereiten, gute, konstruktive Oppositionsarbeit zu leisten, aber auch Dinge mitzutragen, die diese Regierung im Positiven bewirken kann.

Trampusch: Ich sehe bei den Grünen ein Potenzial von guten Ideen, die sie immer wieder vertreten haben. Ich fürchte nur, dass manche Dinge jetzt zurückgestellt werden, weil man halt doch in die Regierung möchte.

Wir befinden uns in der Römerhöhle in Aflenz, die im Zweiten Weltkrieg als Außenlager des KZ Mauthausen diente. Ist es denkbar, dass sich die Geschichte wiederholen könnte?

Trampusch: Wenn jemand sehr dramatische Dinge erlebt hat, dann lernt er daraus. Wenn er aber sozusagen nur am Rande damit zu tun hat – und wir sind Gott sei Dank sehr weit weg von jenem Krieg –, dann haben die Leute das schon wieder verdrängt und wissen gar nicht mehr genau, was ein Krieg ist. Dass ein Krieg alles vernichtet – Familie, Einkommen, Leben – überreißen viel nicht.

Stradner: Ich bin sehr froh, dass wir in dieser langen Friedensperiode in Europa leben können. Aber ich glaube, dass am Ende jedes Krieges die Menschen die Parole „Nie wieder Krieg“ ausgegeben haben und, dass dies sehr ernst gemeint war, weil die Menschen am eigenen Leibe erleben mussten, was es bedeutet, wenn Weltkrieg herrscht, wenn Menschen sterben müssen aufgrund eines Krieges, was es bedeutet, im Krieg zu sein und nichts mehr zu haben. Aber diese Parolen haben in der Geschichte Europas nie besonders lange gehalten. Ich würde mir wünschen, dass die Parole „Nie wieder Krieg“ ewig hält und hoffe, dass dies nicht nur ein frommer Wunsch bleibt, sondern auch in Erfüllung geht.

Trampusch: Solange Menschen unter den Folgen eines Krieges, Hunger und Tod und Zerstörung, leiden, solange ist der Wille, etwas besser zu machen, vorhanden. Aber wir leben jetzt in einer Zeit, wo die meisten Generationen den Krieg selbst nicht erlebt haben und ich denke jetzt etwa an die Parolen der Identitären oder anderer, die eine Zeit heraufbeschwören oder Stärkere sich gegenüber Schwächeren durchsetzen. Das ist genau der Tod einer Demokratie, wenn man das einreißen lässt.

Im März sind Gemeinderatswahlen. Welchen Rat geben Sie, Herr Trampusch, dem amtierenden Bürgermeister von Wagna? Und Herr Stradner, welche Ziele verfolgen Sie für Ihre Gemeinde?

Trampusch: In der Gemeindepolitik sollten die Menschen wirklich wissen, worum es geht. Sodass sie das Gefühl haben, in der Gemeinde passiert was, dann wird man auch gut abschneiden. Wenn aber dieser Kontakt verloren geht und man nicht mehr genau weiß, welche Partei wofür steht, herrschen die gleichen Zustände wie bei Landtags- oder Nationalratswahlen. Ich bin da aber optimistisch. In Wagna ist es immer wieder gelungen, sehr klare Ziele zu definieren und auch dafür einzutreten.

Stradner: Mein Ziel ist es, Wagna lebenswert für die Menschen zu halten und vielleicht noch ein Stück lebenswerter zu gestalten – und das mit viel Wertschätzung und einem offenen Ohr für die Bevölkerung und mit viel Einsatz. Diese Lebenswert-Gestaltung betrifft alle Bereiche – von der Geburt bis zum solide in guter Umgebung Altwerden, es betrifft Kinder, Familien, Alleinstehende, Berufstätige, PensionistInnen und Ältere. Hier möchte ich möglichst viele Schritte setzen, um diese Ziele zu erreichen. Das wünsche ich mir für die Zukunft.


PETER STRADNER
geboren am 10.8.1982,
hat seine politische Laufbahn in der Gemeinde Wagna schon sehr früh begonnen. Im Jahr 2013 hat der damals erst 30-Jährige das Amt des Bürgermeisters übernommen und war damit der jüngste Ortschef im Bezirk.

FRANZ TRAMPUSCH
geboren am 26.2.1934, war Bürgermeister von Wagna und Abgeordneter zum steiermärkischen Landtag sowie Vorsitzender des sozialdemokratischen Landtagsklubs der Steiermark.

Trampusch lebte mit seiner Mutter und Schwester im Sperrgebiet des KZ Graz-Leibnitz, genauer im Außenlager in Aflenz. Schon als Kind leistete er aktiven Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime und war später aktiv am Wiederaufbau
der Sozialistischen Jugend Steiermark beteiligt.

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