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Zirngast: „Ich habe es nie bereut, dass ich in die Türkei gegangen bin“

Zirngast: „Ich habe es nie bereut, dass ich in die Türkei gegangen bin“
Oktober 16
06:15 2019

Max Zirngast aus St. Nikolai im Sausal wurde vor fünf Wochen vor Gericht in Ankara von allen Vorwürfen freigesprochen. Wir haben den Südsteirer getroffen und mit ihm über die vergangenen Monate, seine Pläne für die Zukunft und die österreichische Politik gesprochen.

Du wurdest vor fünf Wochen freigesprochen. Wie überraschend kam das?

Max Zirngast: Ich habe ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass es einen Freispruch schon beim zweiten Termin geben wird. Das ist sehr früh für Prozesse dieser Art. Aber das kann man auch zuordnen: Dann ist das offensichtlich kein wichtiger Prozess, daher haben sie es schnell abgehandelt.

Wie hast du die Zeit bisher genutzt? 

Zirngast: Es war eigentlich ziemlich stressig. Nach vier Jahren in der Türkei gab es einige organisatorische Vorbereitungen zu treffen. Ich habe mich noch von möglichst vielen Freunden verabschiedet, und dann musste ich doch relativ schnell von dort weg. Zeit, um zu feiern oder ähnliches hatte ich bisher eigentlich nicht. Und hier geht der Stress weiter, aber das ist auch ganz gut so.

Wie hast du die Zeit zwischen Weihnachten, also deiner Entlassung, bis jetzt zum Freispruch am 11. September verbracht?

Im Grunde habe ich in der Zeit nicht viel anders gemacht als davor – also intellektuelle und journalistische Arbeit, natürlich jetzt mit einem anderen Interesse und Fokus, weil es nun auch um meine Person gegangen ist. Mit der Solidaritätskampagne habe ich dann zusammen weiter am Buch, mit gesammelten Texten von mir und anderen, gearbeitet. Das war gar nicht so wenig Arbeit, viele Übersetzungen waren nötig. Das ist im Prinzip in den Monaten zwischen Entlassung und Freispruch alles passiert.

Wie viel hast du von der Solidaritätskampagne im Gefängnis eigentlich mitbekommen?

In der heißesten Zeit sehr wenig, und klarerweise nur durch Briefe und durch Gespräche mit meiner Mutter vermittelt. Ich habe also keine Bilder oder so gesehen, das kam alles erst danach. Man hat zwar versucht, mir das zu schicken, das wurde aber abgelehnt. Deswegen habe ich halt nur indirekt mitgekriegt, dass sehr viel passiert ist, aber das ganze Ausmaß habe ich erst danach mitbekommen. Und sozusagen der „harte Kern“ der Solidaritätskampagne war ja auch danach noch weiter aktiv, mit denen bin ich auch bis heute weiterhin in Kontakt und wir machen zusammen ja auch Veranstaltungen.

Wie sind deine Eltern mit der Situation zurechtgekommen?

Es war für sie schon sehr schwer. Ich habe ja schon in der Türkei gelebt und war sozusagen darauf eingestellt, dass so etwas passieren kann und konnte dadurch recht gut damit umgehen. Für sie war es eher überraschend und sicher auch sehr belastend. Aber ich denke sie haben das für sich einigermaßen gut bewältigen können – abgesehen davon, dass sie mich in jeder Hinsicht materiell und ideell unterstützt haben, und ohne die Unterstützung wäre es mir auch nicht so gut gegangen. Sie haben in dem ganzen Prozess tatsächlich auch gelernt, dass einige Sachen in der Türkei, so wie eben auch dieser Prozess, weniger heiß gegessen, als gekocht werden. Was ich ihnen zuvor schon versucht habe zu erklären, aber klar ist da am Anfang auch viel Angst dabei, dass es doch sehr schlimm kommt. Ich selbst bin ja nie davon ausgegangen, dass es wirklich zu einer langen Gefängnisstrafe oder einem Schuldspruch führen wird. Ich habe gewusst, dass die Wahrscheinlichkeit dafür verschwindend gering war, weil ich ja auch weiß, was ich gemacht habe und was ich nicht gemacht habe. Aber gut, es stimmt schon, dass das in der Türkei trotzdem daneben gehen kann. Ich war trotzdem ziemlich sicher, dass mir es nicht passieren wird. 

Und deine Freundin?

Meine Freundin ist ja selbst aus der Türkei, die war selbst schon in Polizeigewahrsam und weiß somit, wie das ist. Es war natürlich auch für sie nicht leicht, ein paar Monate konnten wir uns ja überhaupt nicht sehen. Meine Eltern habe ich zumindest ein paar Mal treffen können. Aber sie weiß natürlich eher, wie so etwas abläuft und versteht auch besser, wie die Prozesse in der der Türkei laufen. 

Du bist ja in Leibnitz zur Schule gegangen. Wie hätte der damalige Schulsprecher vom Bundesgymnasium reagiert, wenn ihm jemand gesagt hätte, dass er 13 Jahre später in der Türkei hinter Gittern landet? 

Zirngast: Ich hab keine Ahnung, ungläubig vermutlich, weil natürlich die Türkei zu diesem Zeitpunkt noch kein Thema für mich war. Das kam erst später in Wien. Also wahrscheinlich mit Unglauben und Unverständnis.

Wieso hat es dich überhaupt in die Türkei verschlagen?

Zirngast: Ich hatte zu dem Zeitpunkt eine Freundin in der Türkei und habe mich im Zuge meines Studiums in Wien schon näher mit dem Land auseinandergesetzt. Dann habe ich nach Wegen gesucht, dort weiter zu studieren. Außerdem finde ich die Türkei irrsinnig interessant, immer noch, weil sie irgendwie ein Labor ist, wo so viele Sachen, die weltweit passieren, kompakt und konzentriert und in unglaublich schneller Abfolge zusammen kommen. Es sind viele Sachen, über die ich als Journalist und Politikwissenschafter schreibe, die ich aber zugleich selbst miterlebt habe. Das bereichert natürlich die Perspektive.

Du hast neben deiner persönlichen Erfahrung im Gefängnis auch sonst viel vor Ort miterlebt – beispielsweise den Militärputsch oder den Selbstmordanschlag vom 10. Oktober 2015 in Ankara. Wie gehst du damit um?

Zirngast: Wenn man all das erlebt, ist das schon nicht einfach zu verarbeiten. Ich bin teilweise, denke ich, schon ziemlich abgebrüht und kalt demgegenüber. Das Attentat in Ankara hat bei vielen Leuten zu größeren psychischen Problemen geführt. Ich hab keinen einzigen Albtraum gehabt, nie irgendwie große Angst danach. Das ist mir teilweise selbst schon ungeheuerlich.

Wieso glaubst du, ist das so?

Zirngast: Am Tag des Attentats habe ich mit einem Freund beschlossen, einfach Journalismus zu machen. Wir haben das ja miterlebt. Also haben wir uns in meiner Wohnung verbarrikadiert, geschrieben und Interviews geführt. So gibt man dem Ganzen irgendwie auch einen Sinn und lenkt sich ab. Es so zu verarbeiten, war für mich, denke ich, sehr hilfreich. Trotz allem sind es natürlich prägende Sachen.

Hättest du all das vorher geahnt, hättest du etwas anders gemacht?

Zirngast: Nein. Ich habe es nie bereut, dass ich in die Türkei gegangen bin, trotz all dieser Sachen. Vieles war Zufall, dass es gerade in dieser Zeit passiert ist. Zum Glück hat es mich auch nicht getroffen, es hätte ja auch ganz anders ausgehen können, wenn eine Bombe in die Luft fliegt. Ich habe es trotzdem nie bereut, auch das Gefängnis nicht. Das gehört halt leider auch dazu. Das kann passieren, das habe ich gewusst. So hab ich jetzt alles durchgestanden.

Wenn du an den Max von vor 15 Jahren, der hier in Leibnitz zur Schule gegangen ist, denkst und mit dem heute 30-jährigen vergleichst – was hat sich getan? Wie sehr hast du dich verändert?

Ich glaube wir verändern und alle, die Frage ist halt wie. Bei mir gibt es halt einige Brüche, die sich recht harsch vollziehen bei mir. Ich bin relativ früh nach Wien gezogen, dann bin ich kurz auf die Philippinen, dann in die Türkei – das war auch relativ abrupt. Und jetzt dann halt dieser letzte Bruch. Die Sachen, die ich erlebt habe…also ich ziehe irgendwie schon immer so interessante Ereignisse an. Ich war sechs Monate auf den Philippinen und in der Zeit gab es ein großes Erdbeben ganz in der Nähe und dann eben den stärksten Taifun, der dort jemals registriert wurde, da war ich auch wieder ziemlich nah dran. Und in der Türkei war ich gerade einen Monat, dann gab es den tödlichsten Selbstmordanschlag in der Geschichte der Türkei mit 100 Toten in Ankara, wo ich 150 bis 200 Meter entfernt war. Dann halt weitere Bomben und dann auch der Putsch – und dann das Gefängnis.

Du ziehst das also an meinst du?

Genau. Und Österreich ist halt weder Erdbeben-, noch Putschregion. Vielleicht kommt der aber auch irgendwann (lacht). 

In Österreich hat sich in letzter Zeit politisch sehr viel getan, Stichwort Ibiza. Hast du das mitverfolgt?

Zirngast: Ja, ich habe auch darüber geschrieben. Zum Video selbst muss man nicht viel sagen. Ich glaube das wirklich Problematische ist, dass da eine eigentlich „übliche Praxis” – sei es die Vergabe von Staatsaufträgen oder die Beeinflussung von Medien – sehr holprig und offen ausgesprochen wurde. Das heißt, das sind ja jetzt nicht nur irgendwelche Ausreißer sozusagen, die nur mit der FPÖ zu tun hätten. Wenn man sich etwa die im Video genannten Namen anschaut – das sind zum Großteil Großspender der Regierung danach gewesen. Das alles ist sehr ungeschickt, prahlerisch und auf eine Art und Weise  im Video formuliert worden, die von einem erstaunlichen Selbstbewusstsein zeugt. Selbst, wenn da irgendwelche Substanzen im Spiel waren, zeigt es deutlich, dass die glauben, sie sind unberührbar. Jetzt haben sie auch die Rechnung präsentiert bekommen. Aber das ist schon problematisch, und ich denke, dass das nicht mit der FPÖ steht und fällt.

Was müsste hier deiner Meinung nach passieren?

Man müsste tatsächlich den Einfluss von diesen Großspendern zurückdrängen – auf die Medien und auf die Politik. Ich glaube aber nicht, dass das mit Kurz möglich sein wird. Er steht halt tatsächlich auch dafür, auch innerhalb der eigenen Partei, weil er sich sozusagen ja irgendwie unangreifbar gemacht hat oder fast unangreifbar. Das auch dadurch, dass er eben diese großen Spender hinter sich gesammelt hat.

Was meinst du, welche Regierung wir bekommen werden?

Zirngast: Das weiß ich nicht, es gibt ja viele Möglichkeiten. Es wird wohl ein bisschen netter und liberaler ausformuliert sein, als in der letzten Regierungsperiode. Es sei denn, es passiert wieder mit der FPÖ, aber selbst dann wahrscheinlich. Aber es wird sich wahrscheinlich nicht wahnsinnig viel ändern. Der Bundeskanzler wird der gleiche sein, das kann man schon mit relativer Sicherheit sagen. Ich glaube aber schon, dass der Umbau der Staates, der da angefangen wurde, bis zu einem gewissen Grad weitergehen wird.

Kannst du zwischen der politischen Lage der Türkei und Österreich irgendwelche Parallelen festmachen? Oder könntest du dir vorstellen, dass es in Österreich eine ähnlich autoritäre Regierung geben könnte?

Schwierig. Aber es ist ja nicht so, dass es so etwas in Österreich noch nie gegeben hätte. Das heißt: Ja, es ist durchaus möglich, weil das gab es ja schon. Trotzdem gibt es Unterschiede: Das Eine ist natürlich, dass die spezifische Form des türkischen Autoritarismus auch eine eigene Geschichte hat, die eigenständig ist. In Österreich würde sich das nicht gleich ausformen. Das Andere ist natürlich, dass es schon noch Unterschiede gibt. Eine einzige rechte Regierung macht das nicht alles sofort weg, weil es in jeder Gesellschaft und in jedem Staat auch Mechanismen gibt und keine Einzelperson oder ein, zwei Parteien einfach nach Gutdünken machen können, was sie wollen. Das ist übrigens auch in der Türkei so. Deshalb sage ich auch, dass der Fokus auf eine Person in der Türkei nicht ausreichend ist, um die Türkei zu verstehen. Klar ist er (Anm.: Präsident Erdogan) eine sehr wichtige und dominante Figur, aber es geht nicht ohne viele Allianzen, Bündnisse und ohne eine seit Langem existierende autoritäre Staatsstruktur. Und in Österreich ist das sicher genauso. Es gibt hier sicher Leute, die auch eine autoritäre Wende wollen und das teilweise versucht haben, zu machen. Aber es gibt auch Gegentendenzen. Also ist noch ein Weg hin, aber unmöglich ist es nicht.

(Wie) Wird in der Türkei über Geschehnisse in der österreichischen Politik berichtet? Wie hast du z.B. die Berichterstattung über die innenpolitischen Geschehnisse der letzten Monate in Österreich miterlebt? 

Interessanterweise fast gar nicht. In der Türkei ist das immer von der Tageslage abhängig. Es kann sein, dass aus irgendeinem Grund mit irgendeinem europäischen Land bewusst eine Krise provoziert wird – das ist ja schon passiert, sei es mit Holland, mit Deutschland oder auch mit Österreich. Dann ist es permanent in den Medien, natürlich auf tendenziöse Art und Weise. Aber sonst wird das eher einfach totgeschwiegen oder halt einfach nicht wahrgenommen. Das hat auch damit zu tun, dass die Türkei eine unglaublich dichte Tagesordnung hat und es unglaublich viele Sachen gibt, die permanent passieren und sie dadurch sehr viel “in eigene Sachen” – etwa Fragen des mittleren Osten, mit den USA und Russland, zum Teil Deutschland oder Großbritannien oder Frankreich, weniger Österreich – involviert ist. Das ist eher das, was die Nachrichten besetzt quasi. Also im Moment ist Österreich nicht wirklich wichtig denke ich. Man darf aber nicht glauben, dass Themen, die bei uns in Österreich als wichtig behandelt werden – sei es das Verhältnis zwischen Österreich und der Türkei oder die EU-Beitrittsverhandlungen – in der Türkei als genauso wichtig erachtet werden. Das ist oft gar nicht der Fall. Gerade was die EU-Beitrittsverhandlungen betrifft, gibt es in der Türkei eigentlich seit Jahren keine Debatte mehr. Es interessiert niemanden wirklich und deswegen könnte ich aus türkischer Sicht auch nur schwer etwas dazu sagen, weil es weder für Linke noch für Rechte eine Rolle spielt. 

Warum ist das so?

Weil die Türkei einfach ganz andere Probleme hat zum Einen, zum Anderen weil das Ganze anfangs schon mit der AKP forciert wurde und dann halt immer wieder auf die lange Bank geschoben wurde und es deshalb auch keine Rolle mehr spielt, zumindest nicht in der innenpolitischen Türkei. Ich glaube, dass die große Mehrheit der Bevölkerung auf die Frage “Beitritt ja oder nein?” eher nein antworten würde, oder dem zumindest eher indifferent gegenüberstehen würde. 

Würdest du nochmal in die Türkei zurück?

Zirngast: Momentan nicht, aber das hängt von der politischen Wetterlage ab. Generell kann ich es mir schon vorstellen, ich habe viele gute Freunde dort, bin sehr gern dort. Und ich war ja auch nie gegen die Türkei, ich war halt kritisch gegenüber dem Regime, nicht gegen das Land als solches.

Wird es dich irgendwann wieder in die Heimat zurück verschlagen?

Zirngast: Ich bin es jetzt schon eher gewohnt, in größeren Städten zu leben, von daher wohl eher nicht. Aber immer mal wieder nach Hause kommen, ist natürlich schon sehr schön.

 

KURZ ZUSAMMENGEFASST, was passiert war:

Max Zirngast hat seit 2015 in Ankara Politikwissenschaft studiert, bevor er am 11. September 2018 gemeinsam mit zwei Kollegen in seiner Wohnung in der türkischen Hauptstadt unter Terrorverdacht festgenommen wurde. Er hatte kritische Artikel über das Regime von Präsident Erdogan, insbesondere dessen Kurdenpolitik, verfasst. Der Südsteirer wurde nach drei Monaten im Gefängnis am Heiligen Abend entlassen, durfte das Land allerdings nicht verlassen. Beim ersten Prozesstermin im April wurde das Ausreiseverbot bestätigt und die Verhandlung auf den 11. September 2019 vertagt. An jenem Tag, exakt ein Jahr nach seiner  Verhaftung, wurde der Autor und Aktivist von allen Vorwürfen freigesprochen. Der Freispruch sei auf Antrag des Staatsanwalts aus Mangel an Beweisen erfolgt.

Am 26. September kehrte der Südsteirer nach Österreich zurück, besuchte für ein paar Tage seine Heimat und Familie in der Südsteiermark. In nächster Zeit wird der 30-Jährige viel reisen, zahlreiche Vorträge, Podiumsdiskussionen und Vorstellungen seines gemeinsam mit der Solidaritätskampagne herausgegebenes Buchs „Die Türkei am Scheideweg“ stehen am Programm. Der Steirer freut sich schon darauf, mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen und Diskussionen zu führen. „Das wird ein paar Monate so weitergehen und dann werde ich wahrscheinlich irgendwann sehr müde sein, aber es wird bestimmt sehr bereichernd. Danach kann ich verarbeiten, was ich in der Zeit gelernt habe  – ich sehe das nicht nur als Verbreitung meiner Ideen, sondern auch als Lernprozess“, so Zirngast.

 

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