Paul Pizzera als Zugpferd für ein männliches Tabuthema
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Ein Vortrag von Dr. Carmen Schlojer, ein Kurzfilm über Jochen Szorger und eine Diskussionsrunde mit Männern wie Paul Pizzera, die den Weg aus der Krise gefunden haben, beschäftigen sich am 11. März 2026 im Kulturzentrum Leibnitz mit dem oft tabuisierten Thema der mentalen Gesundheit von Männern.
Aufeinander schauen!
Sonja Schuster (GO-ON Suizidprävention) und Robert Konrad (Stadtentwicklung Leibnitz)„Reden wir über unsere Gesundheit und schauen wir aufeinander! Soziale Stadtentwicklung bedeutet gut miteinander leben zu können. Daher ist es im Rahmen der Initiative `Schritt für Schritt zur Stadt ohne Vorurteile` unser Ziel, Themen und Zielgruppen am Rande der Gesellschaft zu benennen!“, mahnte zu Beginn des Abends im ausverkauften Kulturzentrum Leibnitz Robert Konrad von der Stadtentwicklung Leibnitz. Denn in jedem Leben gäbe es, so Konrad, Herausforderungen, die man meistern müsse. Es gelte vielmehr Ängste und Sorgen zu benennen sowie zu thematisieren, was uns bewege.

Mit der auf enormes Interesse stoßenden Informationsveranstaltung „Man(n) kann reden!“ ist es Vertreter:innen der Stadtgemeinde Leibnitz und der GO-ON Suizidprävention Steiermark gemeinsam mit zahlreichen Gästen eindrucksvoll gelungen, nach Antworten auf die Frage „Warum stellt für den Großteil der Bevölkerung bei psychischem Schmerz um Hilfe zu bitten, eine Schwierigkeit dar?“ zu finden.

Das grundlegende Problem
In ihrer Doktor-Arbeit ist Dr. Carmen Schlojer vom Regionalteam Murau/Murtal der GO-ON Suizidprävention dem Problem wissenschaftlich auf den Grund gegangen. Fazit: Männer gehören zur zentralen Risikogruppe bei Suizid! Man(n) müsse sich daher mehr mit seiner mentalen Gesundheit beschäftigen, damit sich die Suizidrate der Männer verbessert, verlangte Dr. Schlojer.
„In Krisen passieren die meisten Suizide, weil in unserer Gesellschaft der Perfektionismus großgeschrieben wird. Männer nehmen jedoch ihre Krisen sehr lange nicht war, weil sie mit niemanden darüber reden und vielfach einfach versuchen, weiter zu arbeiten!“, so die Wissenschaftlerin.

Das traditionelle bis heute tradierte Männerbild der Stärke und Unverletzlichkeit des Mannes mache es ihm so schwer, so Dr. Schlojer, über psychische Probleme zu sprechen und sich Hilfe zu suchen! Umso wichtiger ist es, dass Männer und Frauen darüber reden, dass Krisen nur gemeinsam und mit fremder Hilfe zu bewältigen sind. „Man(n) kann reden!“ sei keine Schwäche. In Wahrheit sei es vielmehr mutig, über Krisen und den Weg zurück ins Leben zu sprechen.
„Der erst Schritt für einen Mann ist immer, Krisen wahrzunehmen und darauf hinzuschauen, um die Krise zu bewältigen. Um aus der Krise zu kommen dürfen Männer nicht liegenbleiben, sondern müssen aufstehen und mit jemanden darüber reden, um einen Weg aus der Krise zu finden. Manche Krisen kann man nicht alleine bewältigen! Wichtig ist daher, Hilfe anzunehmen und sich zu fragen, wo man professionelle Hilfe bekommt!“, betont die Vortragende.
Diskussionsrunde ohne Tabus

Auf dem Podium des Hugo-Wolf-Saales diskutierten unter Leitung von Sonja Schuster (GO-ON Suizidprävention) und Robert Konrad (Stadtentwicklung Leibnitz) Männer ganz offen über persönlichen Lebenkrisen und ihren herausfordernden Weg, wie sie zurück in das Leben gefunden haben. Ihre positive Lebensbeispiele haben gezeigt, wie Männer erlebte Krisen gut bewältigen können.
Der frühere Cobra-Beamte Jochen Szorger aus dem Burgenland hat nach einem Schlaganfall im Dienst mit Hartnäckigkeit und Offenheit zurück ins Leben gefunden. Er ist ein leuchtendes Beispiel dafür, dass es einen Weg zurück ins Leben gibt.

Das gilt auch für Amadeus-Award-Gewinner Paul Pizzera, der als Zugpferd für ein männliches Tabuthema und prominenter Musiker wohl sehr viele interessierte Besucher:innen zur Informationsveranstaltung angelockt hat.
Fazit von Robert Konrad nach der Diskussion: „Es ist Stärke, Schwäche zu zeigen. Beide Geschlechter sitzen im selben Boot!“

„Es wird niemals alles perfekt sein!“

Mit 26 Jahren habe er, so Pizzera, eine Krise bekommen und „nicht mehr wollen“ und vor allem zunächst Angst davor gehabt, darüber zu reden. „Man darf die Hoffnung an die Zukunft nicht verlieren. Denn die Windschutzscheibe ist 100 Mal größer als der Rückspiegel!“, outete sich der bekannte Musiker als Botschafter der Hoffnung. „Erdulden hat nichts mit Stärke zu tun. Es wird niemals alles perfekt sein. Eine Therapie wird keinem schaden!“, gab er den Männern mit auf dem Weg.
Die gab auch der praktische Gamlitzer Arzt Dr. Peter Sigmund als er ausführte: „Männer spüren es nicht, dass es ihnen nicht gut geht und sie eine Depression haben. Daher muss man die Bedürftigkeit sehen, dass es einem Mann nicht gut geht!“, so der Arzt. Auf eine Depression weise hin, dass der Mann sage: „Mir geht es eh gut, aber die anderen sind alle Wappler!“ Die männliche Depression sei laut Dr. Sigmund die häufigste Krankheit, die zu Suizid führe, aber gut mit „Nervenstärker“ behandelbar und jeder Hausarzt könne eine Depression diagnostizieren.
Die mangelhaft Selbstfürsorge bei Männern mache ein Umfeld zur Rückmeldung nötig. Warnhinweise wären laut Dr. Siegmund hoher Alkoholkonsum und Schlaflosigkeit. „Männer brauchen Fürsorge von Außen. Die Frau muss ihm die Tablette hinlegen!“, sprach Dr. Sigmund aus der Praxis.
Weitere hoffnungsvolle Beispiele

Mit dabei am Podium war auch WKO Vizepräsident Andreas Herz, der nach einer Krebserkrankung im Alter von 35 Jahren mit Hilfe seiner Frau zurück ins Leben fand und heute ein Gesundheitszentrum für Residenz leitet.
Norbert Leitner propagierte die Männerberatungsstelle „als Stelle, wo Männer andocken und kostenlos sieben Termine wahrnehmen könnten, wenn etwas Dramatisches vorgekommen ist!“ „Wenn es mehr Geschlechtergleichberechtigung gibt, haben wir weniger gesellschaftliche Gewalt!“, meinte Leitner.
Wo es professionelle Hilfe gibt
Die professionelle Hilfe beginne beim (Haus-)Arzt oder der (Haus-)Ärztin und Fachärzt:innen für Psychiatrie sowie bei psychosozialen Beratungsstellen (www.plattformpsyche.at).
Telefonische Hilfe, die rund um die Uhr erreichbar ist, bekomme man bei PsyNot (Tel. 0800 44 99 33), bei der Telefonseelsorge (Tel. 142), beim Männernotruf (Tel. 0800 246 247) oder bei der Männerinfo (0800 400 777).
Fotocredit: Heribert G. Kindermann, MA



